von Petra Fischer, stv. Kreisvorsitzende
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Zu den schrecklich vielen Kapiteln der Weltgeschichte, in denen Menschen andere Menschen aus ihrer Heimat vertrieben und die Zurückbleibenden drangsalierten, zählt die fast unbekannte Geschichte des Dorfes Rüterberg im Elbknie an der Grenze zwischen Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und dem nahen Brandenburg. In mehreren Vertreibungswellen unter Pseudonymen wie "Ungeziefer", "Kornblume" und "Festigung" wurde in den Jahren 1952, 1961 und 1972 ein großer Teil der Einwohner unangekündigt im Morgengrauen in andere Teile der DDR abtransportiert. Die Angst war riesig, nach Sibirien zu müssen. Nur wenige Stunden blieben zum Packen und Abschiednehmen. Der blühende Industrieort Rüterberg mit zwei Ziegeleien und einem Sägewerk verlor 1952 als "Ungeziefer" unter anderem seine Werksbesitzer und ihre Familien sowie alle "unzuverlässigen Elemente" wie Kirchgänger, Bürger mit Westfamilie und solche, die sich in irgendeiner Weise negativ über den Staat geäußert hatten. Der entmenschlichende Begriff Ungeziefer spricht für sich. Die selbstständigen Kleinbauern wurden 1960 in die LPGs gezwungen ("Aktion sozialistischer Frühling") und schließlich das gesamte Gebiet des Dorfes 1967 von allen Seiten mit Metallgitterzäunen umgeben. Das Dorf an der Elbe hatte bis 1989 keinen Zugang zum Fluss, verabredete Lichtzeichen über den Strom zu Verwandten hin wurden hart verfolgt. Der einzige Zugang von der übrigen DDR nach Rüterberg, das "Eiserne Tor", wurde ständig von zwei bewaffneten Grenzsoldaten kontrolliert und 23 Uhr fest verschlossen.
Nicht nur Reisen nach dem Westen waren diesen komplett eingesperrten Bürgern der Deutschen "Demokratischen" Republik verboten. Auch in die benachbarten Dörfer und Städte der DDR führte der Weg nur durch dieses bewachte Tor, an dem der Passierschein und der Personalausweis vorgezeigt werden mussten. Die Einwohner mussten das Wohnrecht in ihrer Heimat zunächst alle 3 Monate von der Volkspolizei mit einem roten Stempel im Personalausweis bestätigen lassen. Im Laufe der Jahre verlängerte sich die "Aufenthaltsgenehmigung im Schutzstreifen", doch erst 1988 erteilte die DDR den Rüterbergern mit einem Siegel mit Hammer und Zirkel das Dauerwohnrecht in der Heimat. Das Leiden am Eisernen Vorhang und der tödlichen DDR-Grenze mit zweireihigem Streckmetallzaun, Stacheldraht, Hundelaufanlagen, Spurenstreifen, Minen, Selbstschussapparaten, Kontrolltürmen, Sirenen, Lichtanlagen und Schießbefehl wurde für diese Mecklenburger noch weiter vergrößert durch die hintere Abschottung vom "Vaterland" DDR.
Als Dorfchronist hat Schneidermeister Hans Rasenberger unter dem Titel "Die Dorfrepublik" eine sehr lesenswerte Dokumentation des Durchhaltewillens, aber auch der Hoffnungslosigkeit der Grenzbewohner zusammengestellt und "allen Opfern des Stalinismus und der Unmenschlichkeit" gewidmet.
Industriedorf zwischen Elbwiesen und Kiefernwäldern
Das Dorf wurde unter seinem alten Namen Wendisch-Wehningen erstmals 1370 urkundlich erwähnt, der Ortsteil Broda war schon im ersten Jahrtausend durch die Wenden besiedelt. 1813 überquerten in den Befreiungskriegen gegen Napoleon die Lützower Jäger, schwarze Husaren und unter ihnen ein verkleidetes Mädchen, auf ihren Pferden die schmale Furt der Elbe bei Rüterberg gen Westen. Seit 1889 wurde die Herstellung von Ziegeln zum wichtigsten Erwerbszweig neben der Landwirtschaft. So wurde das schöne CHILEHAUS in Hamburg 1922 aus Ziegeln der hiesigen Tongrube gebaut. Auf dem Gemeindegebiet wurde 1934-36 eine 960 m lange Straßenbrücke über die Elbe zwischen Dannenberg und Dömitz gebaut, die am 20.4.1945 zerstört wurde. Um den slawischen Namen zu tilgen, benannten die Nationalsozialisten Wendisch-Wehningen 1938 nach dem höchsten Hügel in Rüterberg um.
Im April 1945 besetzten die Amerikaner Rüterberg, übergaben es vereinbarungsgemäß an die Briten und diese im Juli 1945 an die Rote Armee. 44 Jahre lang reichte der lange Arm Moskaus bis zu den Häuslern und Arbeitern des abgeriegelten Elbdorfs. Das Amt Neuhaus, obwohl früher zur Provinz Hannover gehörig, wurde der sowjetischen Besatzungszone angegliedert. Der erste kommunistische Bürgermeister wurde gewählt.
Wie Schneidermeister Rasenberger mit zahlreichen Dokumenten belegt, war die erste Zeit hart. Die Rote Armee beweidete und mähte die mageren Sandwiesen der Rüterberger Kleinstbauern so stark, dass die traditionelle Haltung einzelner Kühe und Schweine gefährdet war. Obwohl ins Dorf wie in alle ländlichen Regionen der DDR Städter und Arbeiter zu landwirtschaftlichen Zwangseinsätzen abkommandiert wurden, blieb die Ernährungslage der ganzen Sowjetischen Besatzungszone über Jahre prekär. Jugendliche wurden 1945 gegen ihren Willen in die Sowjetunion "verschickt", also verschleppt. Der Jugendliche Hermann Behrens kehrte etwa 1949/50 nach Rüterberg zurück, schwieg aber über seine Erlebnisse in der "SU".
Mit der Vertreibung der Eigentümer der beiden Ziegeleien und des Sägewerks, vieler weiterer rechtschaffener Bürger und dem Abriss des Klinkerwerks am Elbufer wurde augenfällig, dass Rüterberg eine sterbende Gemeinde sein sollte. Doch viele Einwohner wollten weder sterben noch weichen, blieben hartnäckig in ihrem Dorf und lebten trotz der schmalen wirtschaftlichen Basis mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Ausbau der Grenzanlagen zur Bundesrepublik und zur DDR
Die Grenze, 1945 von den Briten und Sowjets einvernehmlich nur mit rot - blau - gestreiften Holzpfählen markiert, wurde von der DDR ab 1952 systematisch technisch aufgerüstet. Entlang der Westgrenze der DDR wurde 1952 hinter Stacheldraht ein 10m breiter Kontrollstreifen angelegt, "Wer diesen Streifen betritt, hat böse Absichten und wird entsprechend behandelt". Dahinter kamen ein 500 m breiter "Schutzstreifen" und ein 5 km tiefes Sperrgebiet mit starker Einschränkung der Bewegungsfreiheit, das auch Städte wie Dömitz einbezog - die wehrhafte Grenzfestung, die seit der Renaissance den Elbübergang bewachte. Die 1945 eingeführte Passierscheinpflicht wurde verschärft: Blutsverwandte 1. Grades aus dem Gebiet der DDR konnten unter gewissen Umständen nach einer sechswöchigen Antragsfrist zu ihren Verwandten im Sperrgebiet reisen. Allen anderen war der Zutritt verboten. Gültige Anlässe waren Todesfälle, lebensbedrohliche Erkrankungen und hohe Familienfeiern. Eingehende Begründung, ärztliches Attest und Stellungnahmen der Gemeinde sowie der Betriebs- und Parteileitung und des zuständigen Abschnittsbevollmächtigten des Polizeiabschnitts waren dem Antrag unerlässlich beizufügen.
Eine wesentliche Verschärfung des Grenzregimes trat 1961 ein. Die Einwohner Rüterbergs konnten das Westfernsehen stets nur heimlich, aber technisch gut empfangen und hörten: "Am 13. August 1961 wird eine Mauer quer durch Berlin gebaut, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen, pro Jahr zweihundert- bis dreihunderttausend Menschen." Im Gemeinde - Situationsbericht über die Mitgliederversammlung der LPG III wurde ganz anders über den Mauerbau berichtet: "In der Diskussion wurden die Maßnahmen zur Sicherung des Friedens in der DDR sowie Maßnahmen in Berlin behandelt. Von allen Anwesenden (8, davon 4 mit Redebeiträgen, Anm. d. Verf.) wurde diese Maßnahme begrüßt, ganz besonders in der Frage Berlins. Es kam zum Ausdruck, dass man diese Maßnahme hätte schon eher einleiten müssen."
Bestimmt wussten viele Rüterberger, was sie von dieser Geschichtsklitterung und von einer Meldung 5 Wochen später zu halten hatten: Am 17.9.1961 wurden im Kreis Ludwigslust und so auch in Rüterberg Wahlen zur Gemeindevertretung und zum Kreistag abgehalten. Danach verkündete der Bürgermeister: "In großer Einmütigkeit entschied sich die Bevölkerung der DDR mit 99,96% für die Kandidaten des Volkes". Die Aufstellung der Rüterberger Kandidaten war nur mit viel Druck von oben gelungen, die bisherigen Volksvertreter weigerten sich, erneut anzutreten. Der - ortsfremde - Bürgermeister Rüterbergs in seiner Rede nach der Wahl: "Der 13. August hat die Bonner Ultras schwer getroffen. An diesem Tag wurde den westdeutschen Militaristen, den Feinden des Friedens und des deutschen Volkes eine Niederlage beigebracht... Die ganze Aktion (also der Mauerbau,Anm. d. Verf.) ist mit solch einer Präzision abgerollt, dass Brandt, Lemmer und Konsorten sich nur belemmert an die Klagemauer stellen konnten... Die Wechselstuben und Menschenhändler sind arbeitslos... Unsere junge Staatsmacht hat eine neue Bewährungsprobe glänzend bestanden. Die Kampftruppen nahmen die Gewehre in die Arbeiterfäuste. Die Genossen der Volksarmee und Volkspolizei stellten gepanzerte Schilder auf. Die Arbeiter und Genossenschaftsbauern antworten mit neuen Produktionserfolgen, um mit Taten der sozialistischen Arbeit wuchtige Schläge gegen die Militaristen und Ultras zu führen. Mit einer kampfgestählten Partei der Arbeiterklasse, mit dem in vielen Klassenschlachten bewährten Arbeiterführer Walter Ulbricht an der Spitze, der zu handeln versteht, energisch zu handeln, wenn es gilt, den Frieden zu verteidigen. Und ein solcher Staat ist gut. Nicht die friedliche Bevölkerung der DDR wurde durch die Maßnahmen überrascht, sondern die... imperialistischen Kriegstreiber in Westdeutschland..." Soviel zur Gefangennahme des eigenen Volkes hinter Mauer und Stacheldraht.
Die Rüterberger Rede entsprach vermutlich einem republikweit üblichen Muster. Die letzte Kommunalwahl der DDR am 7.5.1989 erbrachte ein ähnliches Ergebnis: 98,85 % für die Einheitslisten. Diese gefälschte Wahl und die anhaltenden Proteste der Bevölkerung dagegen beschleunigten die Entwicklung auf die Öffnung der Grenze zu, auch wenn Erich Honecker noch am 19.1.89 versichert hatte, die Mauer werde in "fünfzig und auch in hundert Jahren noch bestehen bleiben."
Welcher Druck aufgebaut wurde, illustriert Rasenberger anhand der Musterung für den "Ehrendienst" in der Nationalen Volksarmee. Fünf junge Männer zwischen 18 und 20 Jahren sollten am 21.8.1961 im kleinen Rüterberg geworben werden. Alle Kandidaten waren anwesend, aber sie wehrten sich, meist aus unklaren medizinischen Gründen. Die Werbung wurde forciert, eine Funktionärsbrigade ins Dörfchen beordert. Am 31.8.61 dann die Erfolgsmeldung: "Inzwischen haben 5 Jugendliche ihre Bereitschaftserklärung abgegeben, sich freiwillig zu den bewaffneten Kräften zu melden, während ein Jugendfreund hartnäckig abgelehnt hat." Respekt vor diesen Jugendlichen!
Nach dem Bau der Berliner Mauer wurden überall Grenzanlagen auf dem neuesten Stand der Technik gebaut und weiterhin verschärft. Mit Propaganda, Minen und Schießbefehl, mit Bespitzelung, Deportation und Tötungsautomaten setzte die DDR ihre ganze Macht dazu ein, einen Grenzübertritt ihren Bürger, den "Grenzdurchbruch", zu verhindern und die Arbeiter und Bauern im Arbeiter- und Bauernparadies einzusperren. Je nach Abschnitt wurden die Menschen durch einen zweiten Metallzaun, Betonplatten, Lichtsperren, Beobachtungsanlagen und den Spurenstreifen, auf dem Flüchtlinge ohne Vorwarnung gezielt beschossen wurden, am Verlassen der Republik gehindert. Von 1970 - 1984 wurden auf der Ostseite des Zauns in drei Reihen versetzt Selbstschussanlagen angebracht, die Tötungsautomaten SM70. Die Beschreibung des westlichen Bundesgrenzschutzes lautete: "Der Abstand zwischen 2 Apparaten auf gleicher Höhe beträgt 30m. Durch Berühren oder Durchschneiden des Auslösedrahtes werden in dem Kontaktgeber zwei Stromkreise geschlossen. Der eine Stromkreis zündet über eine elektrische Sprengkapsel die Hauptsprengladung des Schusstrichters (102g TNT), 118 Stahlwürfel, Kantenlänge 4 mm, werden durch den Detonationsdruck bis zu 25 m geschossen. Der zweite Stromkreis löst Alarmanlagen innerhalb des nächsten Führungspunktes aus."
Trotz der furchtbaren Grenzanlagen wagten etliche DDR-Bürger die Flucht in den Westen, viele davon auch entlang des niedersächsischen Grenzabschnittes erfolgreich. Andere, die die Elbe zum Beispiel in einem selbstgebauten U-Boot überqueren wollten, aber entdeckt wurden, kamen in langjährige Haft. Am 16.1.1973 aber, so die Dokumente Hans Rasenbergers, sei nahe Rüterberg der 28 Jahre alte Konstrukteur Hans-Friedrich Franck geflohen, jedoch an den schweren Verletzungen durch den Tötungsautomaten SM70 gestorben: Zwar gelangte er auf westlichen Boden, wurde gefunden und ins Dannenberger Krankenhaus gebracht. Die Geschosse hatten jedoch seine Oberschenkelarterie so zerfetzt, dass er wohl verblutete. Der ärztliche Bericht lautete: "... konnte trotz intensivster Bemühungen nicht am Leben erhalten werden. Die unregelmäßig geformten, scharfkantigen und gezackten Metallsplitter des Sprengkörpers, die in ihrer Wirkung einem Dumdumgeschoss gleichkommen..., hatten die Gefäße an mehreren Stellen so zerfetzt, dass eine Gefäßnaht sich äußerst schwierig gestaltete..."
Nachdem bis 1961 mindestens zweieinhalb Millionen Bürger die DDR verlassen hatten, wurde der besonders empfindliche Grenzabschnitt an der Elbe massiv "verteidigt". Wie viele Menschen ihren Fluchtversuch durch den Todesstreifen und dann durch die tückischen Strömungen der Elbe nicht überlebten, bleibt unbekannt. Hier zwei geglückte Fluchten aus der nahen Nachbarschaft zu Rüterberg: In der Nacht des 18.5.1960 überquerten zwei Flüchtlinge die Elbe erfolgreich in einem Trog zum Tränken von Vieh. Am 5. April 1963 gelang die spektakuläre Flucht zweier verwandter Familien mit 10 Personen. Ein schwimmfähig gemachter, provisorisch gesteuerter Ackerwagen mit Gepäck und kleinen Kindern wurde vom eiskalten Fahrwasser des Stroms mitgerissen. Alle Landungsversuche am Westufer misslangen, doch das niedersächsische Zollboot entdeckte die erschöpften Flücktlinge und rettete sie unter schwierigen Umständen aus Lebensgefahr.
Der Grenzzaun zur Bundesrepublik, meist 3,20 m hoch, bestand ganz (so in Rüterberg) oder in der unteren Hälfte aus Streckmetallgittern, zum Teil im oberen Bereich aus mehrreihigem Stacheldraht. An den Betonpfählen, die die Metallplatten trugen, waren Tötungsautomaten befestigt, zwischen den beiden Zaunreihen wurden oft Tretminen vergraben oder Stacheldrahtrollen ausgerollt. Signaldrähte lösten Sirenen und optische Alarmsysteme aus. DDR-seitig lag oft ein etwa zwei bis drei Meter breiter KFZ-Sperrgraben, auf Seiten der Bundesrepublik -aber natürlich noch auf DDR-Territorium - ragten Betonplatten aus dem Boden, um motorisierte "Grenzdurchbrüche" zu verhindern. Ein etwa 6 m breiter "Spurensicherungsstreifen" ohne Bewuchs ließ jeden Fußabdruck erkennen und wurde täglich kontrolliert. Noch heute sind große Teile der "Kolonnenwege" erhalten, zwei Reihen Betonplatten, auf denen die LKW der DDR-Grenztruppen schnell zu Alarmorten fahren konnten. Die Grenztruppen schafften sich freies Schussfeld in Rüterberg und vor allem im Ortsteil Broda durch das Entfernen jeglichen Busch- und Baumbestandes: "Die Häuser W. und V. sind abgetragen. Sichtfeld ist zu schaffen durch Beseitigung von Büschen und Eichen und Weiden."
Beobachtungstürme, Bunker, auf Menschen abgerichtete Hunde (1977 ca. 1000 Hunde an Laufleinen zu einem in drei Metern Höhe gespannten Drahtseil), Stolperdrähte - die unmenschliche Grenze wurde teuer ausgebaut. Allein die hintere Einsperrung der kleinen Gemeinde Rüterberg soll 8 Millionen DDR-Markt an Materialien gekostet haben. Wegen versuchter oder geplanter Republikflucht waren über viele Jahre "ständig mindestens 2500 Menschen in Haft", zusätzlich zu den Tausenden politischen Gefangenen. Als am 6.10.1972 eine Amnestie für politische und kriminelle Straftäter erlassen wurde, wurden auf einen Schlag etwa 32.000 Personen aus DDR-Haft entlassen, davon ca. 2000 in die Bundesrepublik. Seit 1977 konnte in "besonders schweren Fällen" von Republikflucht ein Urteil auf lebenslange Freiheitsstrafe ausgesprochen werden. Am 25.3.1982 wurde ein ergänzendes Grenzgesetz beschlossen, das in § 27 Abs. 2 die Anwendung der Schusswaffe rechtfertigt: der sogenannte Schießbefehl. Die Menschenrechte, die in der KSZE-Schlussakte von Helsinki am 1.8.1975 durch 35 Staaten und auch durch die DDR unterzeichnet wurden, galten an der "Staatsgrenze West" wenig.
Erst 1984 wurden die Minen aufgenommen und die Selbstschussautomaten SM70 abmontiert, dafür aber die "Aufklärungsarbeit" der "Horch- und Guckgesellschaft" verstärkt, bei Freund und Feind. Mit Richtmikrophonen und Infrarot-Nachtsichtgeräten wurden ahnungslose Touristen an westlichen Aussichtspunkten ausspioniert und ihre Kommentare für den Fall einer späteren Einreise samt Teleobjektiv-Foto abgeheftet. Stundenlang lagen die Grenzaufklärer getarnt im Unterholz, um die Menschen im Grenzgebiet zu überwachen, Flüchtlinge zu stellen und die eigenen Kollegen zu kontrollieren. Etwa 2000 DDR-Grenzsoldaten sollen nach dem berühmten Sprung des Conrad Schumacher über die Berliner Stacheldrahtrollen am 15.8.1961 in den Westen geflohen sein.
Der Schießbefehl blieb bis zum Mauerfall gültig. Der letzte Mauertote war der zwanzigjährige Schlosser Chris Gueffroy, der am 6.2.1989 in Berlin bei seinem Fluchtversuch erschossen wurde. Die Gesamtzahl der Opfer der deutsch-deutschen Grenze ist bis heute unbekannt, so weiß niemand, wie viele Menschen in der Ostsee ertrunken sind. Fachleute machen unterschiedliche Angaben. So zählte die Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter 872 im Westen sicher bekannt gewordene Todesfälle, darunter 255 an der Berliner Mauergrenze, 371 an der innerdeutschen Landgrenze, 189 in der ostsee und weitere, darunter fahnenflüchtige Sowjetsoldaten. Mindestens 17 Flugzeuge wurden abgeschossen.
Dass die Lützower Jäger die Elbfurt bei Rüterberg gen Westen durchquert hatten, beflügelte 1980 auch die Pläne des Armeegenerals der DDR Heinz Hoffmann und führender Generäle des Warschauer Paktes. Per Hubschrauber auf den Rüterberg eingeflogen, schauten sie über den Strom und sprachen laut Rasenberger über den Kriegsfall und den schnellen Bau einer Notbrücke, um Panzer in die BRD in Marsch zu setzen. Nach diesem Treffen wurde der Plan fallengelassen, Rüterberg ganz abzureißen und die Menschen bis 1986 komplett auszusiedeln, denn Rüterberg werde aus strategischen Gründen gebraucht. Daraufhin wurde 1988 das Aufmarsch- und Schussfeld zwischen Ort und Elbe vergrößert, das Gemeindegebiet von Rüterberg durch einen neuen Hauptgrenzzaun wesentlich verkleinert und die Einschnürung immer dichter. Der Ortsteil Broda wurde bis auf ein Gebäude für die Grenzer abgerissen, die Bürger ausgewiesen. Es ging um die Sicherung der Nahtstelle von Kommunismus und Kapitalismus, welche Rolle spielten da Menschen?
Auch der Schutzstreifenzaun zur DDR hin wurde noch Ostern 1988 modernisiert und aufgerüstet - 1 1/2 Jahre vor dem Fall der Mauer! Dieser zweite, innere Grenzzaun wurde für 1,4 Millionen DDR-Mark pro Kilometer in einer unüberwindbaren Ausführung mit doppelseitigen Licht- und Sirenenanlagen erneuert. Es war auch Draufgängern nicht mehr möglich, sich durch die Sanddüne unter dem Zaun durchzugraben, wenn man in Feierlaune die Sperrstunde am Eisernen Tor um 23 Uhr verpasst hatte: Zentnerweise Beton lag nun im Boden. Die Rüterberger mussten ihre Umzäunung für lebenslänglich halten, ihre Hoffnungen nach KSZE und Staatsbesuchen für gescheitert. Dieser Zaun sollte noch 100 Jahre stehen!
November 1989: Die Wende in der Dorfrepublik
Nach langem Erdulden gärte es es in den Köpfen der Rüterberger, dieser innere Zaun war wohl das Quäntchen zuviel. Erstmals wurde wieder gewagt, Kritik am praktischen Vorgehen der Grenzer zu äußern. Es gärte eineinhalb Jahre. Am 8. November 1989 saßen über 100 Rüterberger mit Vertretern von Politik, Volkspolizei und Grenztruppen zusammen im Gemeindehaus. Eine Änderung des Grenzregimes sei nicht in Sicht, so die Obrigkeit. Und das nach Monaten der Proteste, Montagsdemonstrationen, Fluchten über die ungarische Grenze und die Prager Botschaft! An diesem Abend schlug Hans Rasenberger vor, sich nach dem Muster der Schweizer Eidgenossen in urdemokratischer Weise zur "Dorfrepublik Rüterberg" zu erklären. Und alle anwesenden 90 Bürger stimmten zu.
Seit 22 Jahren lebten sie zwischen Grenzanlagen und mussten zur "Einreise" wie zur "Ausreise" Dokumente vorlegen. Der Begriff Dorfrepublik sollte dieses isolierte Leben im Ausnahmezustand, fast wie im Gefängnis, kennzeichnen. Die Forderungen lauteten unter anderem: "Der Souverän ist das Volk. Das Volk bestimmt, was geschieht. Rüterberg ist bis heute aus der DDR ausgegrenzt. Es fordert wenigstens 3 Zugänge zum Dorf! Rüterberg fordert sofortige Bewegungs- und Reisefreiheit; keine Passierscheine mehr! ... alle Menschen auf dieser Erde dürfen uns besuchen! Wir fordern ... normales Menschenrecht!"
Am Abend des 9.November 1989 fiel völlig überraschend die Mauer in Berlin und dann die Grenzen zwischen beiden Teilen Deutschlands. In Rüterberg aber wurde der Zaun zur DDR am 10.11. noch "ordnungsgemäß" geöffnet und verschlossen. Tags darauf endeten 22 Jahre der Einsperrung der Rüterberger: Die Posten wurden vom einzigen Eingangstor abgezogen, der Zugang von der DDR-Landstraße zum Dorf wurde endlich frei, die heimtückischen Stolperdrähte wurden durchtrennt. Noch im November wurden die scharfen Hunde aus den Hundelaufanlagen hinter Rüterberg erschossen, arme, an Laufleinen liegende Kreaturen, die die Dorfbewohner manchmal kläffen gehört hatten, ungeeignet für friedliche Einsätze. Dreißig Rüterberger bauten als "Zaunkönige" die Metallgitterplatten ab und schauten auf den Elbstrom und nach Niedersachsen. Das Dorf inmitten des "antifaschistischen Schutzwalls" konnte wieder frei atmen.
Wenig später überquerte das erste Fahrgastschiff die Elbe, viele Besucher aus dem niedersächsischen Nachbarort Damnatz, aus der DDR, der Bundesrepublik und vielen anderen Ländern kamen innerhalb weniger Wochen nach Rüterberg und waren bewegt von der leidvollen Geschichte des Dorfes hinter Grenzzäunen. Ehemalige Bewohner, die deportiert worden waren, konnten ihre Heimat wiedersehen und suchten die Spuren ihrer Elternhäuser, oft vergebens. In einem Volkshochschulseminar wurde "die Wende in der DDR von Honecker über Krenz zu Modrow und Gysi" besprochen.
Hans Rasenberger schrieb in "Die Dorfrepublik": "Wenn ich heute zurückblicke auf diese Zeit ..., so kann ich es immer noch nicht begreifen, dass die Grenzbevölkerung entlang der 1400 km langen deutschen Trennungslinie die Anmaßung, die Diffamierung, die gewaltsame Abgrenzung von den Eltern, Kindern, Geschwistern, ... kurz von allen unseren Mitmenschen so ausgehalten hat. ... Dokumente dieser Chronik können Zeugnis ablegen, wie die betroffenen Menschen fähig wurden, alles zu ertragen und aus ihrer Hilflosigkeit das Beste zu machen."
Am 14. Juli 1991 erhielt das Dorf die offizielle Erlaubnis des Innenministers von Mecklenburg-Vorpommern, die Bezeichnung "Dorfrepublik Rüterberg 1967-1989" zu führen. Der Tag wurde mit 100 Jugendlichen aus 19 Ländern und einer Tanzperformance der Schweizer Künstlerin Christine Brodbeck auf dem ehemaligen Todesstreifen gefeiert.
1991/92 wurde zwischen Rüterberg und Dömitz eine schöne neue Straßenbrücke über die Elbe gebaut, über die reger Verkehr von Mecklenburg-Vorpommern nach Niedersachsen und umgekehrt rollt. In wenigen Minuten sind die Rüterberger nun dort, wohin sie sich so oft gewünscht haben mögen.
Aufbruch in die Zukunft
Wer heute auf der B 195 von Dömitz Richtung Boizenburg fährt und weiß, worauf er achten soll, sieht über längere Strecken den freien Streifen, auf dem der Metallgitterzaun von 1967 bis 1989 Rüterberg von der DDR ausschloss. Wo auf den Flugsanddünen der Elbsedimente sonst herrliche Kiefern und Birken wachsen, stehen magerer Trockenrasen und junge Bäumchen. Wo früher das "Eiserne Tor" den einzigen Durchlass erlaubte, weht heute die Fahne der "Dorfrepublik Rüterberg 1967-1989", ein Ritter in voller Rüstung zwischen dem grünen Land, dem Ufersand und dem blauen Fluss.
Die alten Ziegelhäuser wurden renoviert, sehr viele neue Einfamilienhäuser sind in den letzten zwei Jahrzehnten dazugekommen. Die Einwohnerzahlen Rüterbergs, durch die Vertreibungen seit der "Aktion Ungeziefer" sehr geschrumpft, entwickeln sich trotz der Todesfälle endlich wieder günstig: 1945: 495 Einwohner, 1960: 300, 1989: 150, 2009: 177 Einwohner. Dank der landschaftlichen Schönheit zieht der Ort neue Bürger an, derzeit entsteht ein Wohnprojekt für Senioren in Flussnähe. Der Förderverein Naturschutz Elbtal eV. betreut das idyllische Gebiet der alten Blautongrube, in die ein ziegelroter Bachlauf gluckert, ein Rundweg wurde mit Obstbäumen bepflanzt. Herrliche Spaziergänge sind in Rüterberg möglich, zahlreiche Touristen machen einen Abstecher hierher oder bleiben auf dem kleinen Campingplatz. Der Blick schweift weit über die lange Zeit unzugänglichen Elbwiesen. Ein Kurzurlaub oder eine Radwanderung hier lohnen sich.
Doch seit dem Tode des Dorfchronisten Hans Rasenberger 2006 vernachlässigt Rüterberg - seit 2004 in die Stadt Dömitz eingemeindet - leider die Erinnerung an seine Geschichte nach 1945. Die früher gepflegten Informationstafeln waren bei meinen Besuchen im September 2009 sehr verfallen, es sollten aber nach Auskunft der Stadtverwaltung Dömitz vor dem zwanzigsten Jahrestag der Grenzöffnung am 9.November die nötigsten Ausbesserungsarbeiten eingeleitet werden. Bisher jedoch sind die meisten der interessanten Informationen nicht mehr zu lesen. Die Heimatstube ist zur besten Touristenzeit geschlossen, ihr Betreuer nicht erreichbar, das Buch "Die Dorfrepublik" ist vergriffen und wird nicht neu aufgelegt. Statt dessen verleiht die Dorfkneipe auf Anfrage (bitte nachfragen!) einen Ordner mit Zeitungsausschnitten und Dokumentenkopien an ihre Gäste. Der Wachturm der Grenzsoldaten wurde fröhlich bunt gestrichen, ein verniedlichendes Stückchen Streckmetallzaun steht fern des Dorfkerns an der Elbe. Das Grab der unbekannten Soldaten, die zum Teil von der Elbe angespült wurden, trägt keine Inschrift mehr. Die Tafeln im Gemeindegebiet erzählen allerhand Wissenswertes zu Bibern, Heuschrecken und dem artenreichen Trockenrasen - aber wenig über das, was Rüterberg von hunderten anderen Orten an der DDR-Grenze unterschied: die völlige Einzäunung und Knebelung der Menschen. Natürlich, nichts von Menschenhand Gebautes bleibt bestehen, zum Glück auch nicht Mauern und Grenzen. Doch so schnell sollten die Spuren der Diktatur und des Durchhaltewillens der Dorfbewohner nicht dem Vergessen anheimfallen!
Zu den eingesessenen Rüterbergern, die so lange alles durchgestanden haben, kommen neue: In den letzten 20 Jahren sind zahlreiche Familien aus Ost und West in die Rüterberger Neubaugebiete und in die renovierten alten Häuser zugezogen. Aus dem Dorf, das aussterben sollte, ist wieder eine Gemeinde mit Zukunft geworden. Vor zwanzig Jahren ist nicht nur die Mauer gefallen, was wir zu Recht groß feiern sollen. Gefallen ist auch ein hoher doppelter Gitterzaun ohne Anfang und ohne Ende rund um diese kleine Gemeinde Rüterberg an der Elbe, diesen Symbolort der Unfreiheit. An Rüterberg denke ich, wenn bei feierlichen Anlässen die Worte von Hoffmann von Fallersleben gesungen werden: "... danach lasst uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand: Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand."
Am Freitag, den 16.10.2009 bedankte sich der FDP-Bundestagskandidat Matthias Seestern-Pauly noch einmal persönlich mit 500 gelben Rosen bei den Bürgerinnen und Bürgern in Bad Iburg für das historisch beste Ergebnisse, welches je für die FDP in Bad Iburg gewonnen werden konnte. Seestern-Pauly hierzu: "Ich bin sehr dankbar für das tolle Ergebnis und das Vertrauen, welches mir entgegengebracht wurde. Es hat mich sehr stolz gemacht, dass die Rückendeckung meiner Heimatstadt mit 15,8 % der Erstimmen und 19,7 % der Zweitstimmen so groß gewesen ist."
So gut wie die Stimmung der FDP war auch die Resonanz der Menschen, die eine gelbe Rose geschenkt bekamen. Viele brachten ihre Freude darüber zum Ausdruck, dass der hiesige Bad Iburger FDP-Kandidat so gut bei der Bundestagswahl abgeschnitten hat und freuten sich auch, dass die FDP auch nach der Wahl noch das Gespräch suche. Eine ältere Dame sagte in einem Gespräch mit Matthias Seestern-Pauly: "Ich hoffe, dass sie weitermachen werden. Ihnen glaube ich, dass sie auch das sagen, was sie denken!" In diesem Zusammenhang versprach Seestern-Pauly: "Wir werden selbstverständlich auch weiterhin für die Menschen in Bad Iburg da sein. Dies ergibt sich alleine daraus, dass wir Politik mit den Menschen machen wollen. Dafür brauche ich auch die Rückmeldung der Iburger!" und fügte verschmitzt an: "Was mich selber in der Politik angeht, so bin ich mit meinen 25 Jahren noch lange nicht soweit, als dass ich mich zur Ruhe setzen möchte!"